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Full text of "Artist 93 Nov 2012"

DAADmagazin.de 

Verstrickte Erinnerungsstränge 

Von Biografien, Geschichten und kultureller Erinnerung erzählt die 
Konzeptionskünstlerin Elianna Renner mit überzeugender Intensität: Die DAAD- 
Stipendiatin wurde für ihre Multimedia-Installationen jüngst mit dem "Dr. 
Theobald Simon Preis" des Verbands der Gemeinschaften der Künstlerinnen und 
Kunstförderer e.V. (GEDOK) Bund ausgezeichnet. Im Interview mit dem DAAD- 
Online-Magazin spricht die Schweizerin über ihre künstlerische Motivation, ihre 
aktuelle Ausstellung in Bonn und aufweichen Spuren sie derzeit in Buenos Aires 
wandelt. 

Frau Renner, erst kürzlich erhielten Sie den "Dr. Theobald Simon Preis" für Ihre 
multimediale Reflektion von Identität und jüdischer Familiengeschichte im Zeitraum 
von drei Generationen. Was hat Sie zu Ihren Arbeiten motiviert? 

Elianna Renner: Ich rekonstruiere Geschichten bzw. historische Ereignisse im 
Alltagsgeschehen. Ich wohne seit zehn Jahren in Deutschland und bin noch immer sehr 
fasziniert davon, dass ich mit großen Kulleraugen angestarrt werde, wenn ich sage: Ich 
bin Jüdin. Jüdisch sein in Europa hat eine lange Geschichte, und das ist auch meine 
Geschichte. Deshalb habe ich angefangen, mich damit künstlerisch auseinanderzusetzen: 
In meinen Arbeiten erzähle ich von biografischen und historischen Momenten, von 
alltäglichen antisemitischen Situationen zum Beispiel in der Zeit des 
Nationalsozialismus. Den Titel des Katalogs und der Ausstellung „Bobe Mayses" könnte 
man mit „Omas Erzählungen" übersetzen, aber auch mit „Geschichten erzählen" im 
Sinne von „etwas erfinden". Meine Performance „84,4" vermisst beispielsweise den Weg 
von meiner Haustür in Bremen bis zur KZ-Gedenkstätte in Bergen-Belsen. Der Fokus des 
Zuschauers richtet sich auf eine Person, die in einem Raum im Schein einer Stirnlampe 
Pullover auftrennt. Die Fäden machen die untereinander verstrickten 
Erinnerungsstränge deutlich. Gleichzeitig sind über Kopfhörer autobiografische 
Geschichten zu hören, die durchlaufend erzählt werden. 




Elianna Renner erzählt in ihren Arbeiten von biografischen und historischen Momenten 

Wieso nutzen Sie unterschiedliche Medien zur künstlerischen Gestaltung? 

Ich arbeite konzeptuell, das heißt, ich gehe thematisch vor und suche mir ein Medium 
zur optimalen Umsetzung. Das kann immer wieder ein neues Medium sein, ich möchte 
jedes Mal die Freiheit haben, dem jeweiligen Thema gerecht zu werden. 

Derzeit sind Sie mit einem DAAD-Stipendium in Buenos Aires. Reflektieren Sie auch in 
Ihrem aktuellen Projekt jüdische Biografien? 

Ja, aber auf eine völlig andere Art und Weise. Ich reise einem jüdischen Zuhälterring 
hinterher, der von 1850 bis 1930 jüdische Mädchen aus Galizien in verschiedene Länder 
verschleppte. Die Frauen mussten dort in Bordellen als Prostituierte arbeiten. In diesem 
Kontext sind die Ereignisse von 1850 bis 1930 in Europa zu beachten: Eine wichtige 
Rolle für das Verständnis dieser Lebensgeschichten spielen die Pogrome in Russland, 
der Antisemitismus in Osteuropa sowie die Emigrationswelle aufgrund der 
antisemitischen Ausschreitungen und der Armut innerhalb der jüdischen Bevölkerung 
in Europa, insbesondere Polen. Aufgrund antijüdischer Gesetze konnte man sich damals 
als Person jüdischer Herkunft nicht einfach in einem europäischen Land niederlassen. 

Deshalb gehen Sie in Argentinien auf Spurensuche? 

Argentinien ist nur eine Station von sechs. Ich war bereits in New York; Brasilien, China, 
Indien und Südafrika werde ich noch besuchen. In den Archiven und Bibliotheken, aber 
auch an den Orten, wo die Frauen einst lebten, versuche ich, das Dasein der Frauen über 
Oral History zu rekonstruieren: Was ist von ihrer Geschichte überliefert? Wo sind sie 
begraben? Was erzählen die Schauplätze des historischen Geschehens? Konnten die 
Frauen sich trotz der Unterdrückung ein Stück selbstbestimmtes Leben bewahren? In 
Brasilien gelang es den Frauen beispielsweise, sich selbst zu organisieren. Sie übten ihre 
Religion teilweise ohne Männer aus und gründeten eigene Vereine, die die Funktion 
einer Krankenversicherung übernahmen oder für die Bildung der Kinder sorgten. 



Wie werden Sie Ihre Forschungsergebnisse künstlerisch gestalten? 

Ich habe zwar schon einige Ideen, da kann sich aber noch viel ändern und entwickeln. 
Der konkreten künstlerischen Umsetzung werde ich mich erst nach meiner Rückkehr 
nach Europa widmen. Der nächste Schritt meiner Arbeit wird zunächst darin bestehen, 
das Rohmaterial - wie beispielsweise Interviews mit Historikern - online zu stellen. 
Durch das mündliche Erzählen entstehen Bilder, die ich für sehr bedeutsam halte. 
Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, ein offenes Archiv im Internet bereitzustellen, 
auf das verschiedene Forscher zugreifen können. 




Die Video-Installation "Cheerleading" sorgt derzeit für Aufsehen im Künstlerforum Bonn 



Der "Dr. Theobald Simon Preis" ist mit 5.000 Euro dotiert und mit einer Ausstellung 
verbunden, die noch bis zum 10. Februar im Künstlerforum Bonn zu sehen ist. Welche 
Arbeiten sind von Ihnen dort vertreten? 

Zum einen präsentiere ich dort einige Video-Installationen, Fotos und Performances aus 
„Bobe Mayses". Darüber hinaus ist meine Video-Installation „Cheerleading" dort 
vertreten, die ebenso einen Erinnerungsraum gestaltet. Hier stehen 42 Frauen aus der 
klassischen Moderne im Zentrum: Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, 
Frauenrechtsaktivistinnen. Auf vier Videoleinwänden feuern sich die Cheerleader 
abwechselnd an, indem sie zunächst den Namen der Person - etwa Käthe Kollwitz oder 
Frida Kahlo - buchstabieren und ihn dann im Ganzen nennen. Dabei ist für mich die 
Interaktion mit dem Besucher der Ausstellung zentral: Was assoziiert der Betrachter, 
wenn er die Namen der Frauen hört? Wir haben alle ein bestimmtes Bild, bestimmte 
Stereotypen und Klischees von dieser Zeit. Mir geht es darum zu zeigen, dass Biografien 
nicht linear verlaufen. 



Interview: Christina Pfänder 
23.01.2013 DAADmagazin.de 
http://www.daad-magazin.de/22921/index.html